https://sprachlog.de
Sprachlog
Sprachlog Sprachlog Menü Springe zum Inhalt Startseite Was ist das Sprachlog Die Autor/innen Impressum Datenschutzerklärung Kommentarpolitik Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2021: boostern Von Anatol Stefanowitsch Anglizismus des Jahres 2021 ist das Wort boostern als Bezeichnung für eine Auffrischungsimpfung gegen COVID. Die Pandemie liefert uns damit nach dem Lockdown im letzten Jahr erneut nicht nur das Wort des Jahres („Wellenbrecher“), sondern auch das wichtigste Wort des Jahres. Aber immerhin ist es nach dem bedrückenden und nach Gefängnis klingenden Lockdown des letzten Jahres ein optimistisches, fast futuristisches Wort, das eher an eine Superkraft als an eine medizinische Routineprozedur denken lässt. Es war aber nicht dieser Beiklang des Verbs boostern (und des dazugehörigen Substantivs Booster, das als eine Art „First Wortstamm“ mit auf dem Siegertreppchen stehen darf), der die Jury überzeugt hat, sondern die Tatsache, dass es auf exemplarische Weise zeigt, wie effektiv Lehnwörter neu entstandene Lücken im Wortschatz füllen können. Als im Herbst 2021 klar wurde, dass wir uns zum (vorerst) dritten Mal gegen COVID würden impfen lassen müssen, hätten wir das vorhandene Wort „Auffrischungsimpfung“ verwenden können, wie wir es für andere Impfungen ja tun. Aber da die Impfung selbst ja für die meisten von uns erst wenige Wochen her und damit noch sehr frisch war, hätte das nicht so recht gepasst, und ein Verb dazu gibt es auch nicht. Das Lehnwort Booster und das daraus abgeleitete boostern kamen da gerade recht, und die beiden Wörter hatten zusätzlich den Vorteil, in ihrer Bedeutung eindeutiger zu sein: In medizinischen Texten kamen sie schon vor der Pandemie vereinzelt vor und bezeichnen dort ganz allgemein ein Verstärken der Immunabwehr, aber in der Alltagssprache bezeichnen sie speziell die Auffrischung einer COVID-Impfung. Die Bedienung, die mich beim Betreten eines Restaurants fragt, ob ich „geboostert“ sei, braucht sich also mit mir nicht auf eine Diskussion darüber einzulassen, dass ich tatsächlich gerade meine Tetanus-Impfung habe auffrischen lassen. Wie es bei Lehnwörtern häufig der Fall ist, trägt Boostern so zu einer Ausdifferenzierung des Wortschatzes bei. Dabei ist das Verb boostern selbst wahrscheinlich gar kein Lehnwort, sondern eine Eigenkreation der deutschen Sprachgemeinschaft. Beim Substantiv Booster ist klar, dass es direkt aus dem Englischen übernommen worden ist. Den booster shot (wörtlich „Verstärkungsschuss“, wenn das die „Querdenker“ wüssten…) gibt es dort schon seit Mitte der 1940er Jahre, die Kurzform Booster seit den 1960ern. Aber das dazugehörige Verb lautet nicht to booster sondern to boost – wenn wir das Verb direkt entlehnt hätten, müsste es also boosten heißen. Und vereinzelt findet sich diese Form auch tatsächlich: (1) Die positiv Getesteten sind dem Vernehmen nach symptomfrei und allesamt doppelt geimpft und geboostet. (SZ, 2022-01-11) (2) Muss man sich mit einer Kreuzimpfung überhaupt boosten lassen und sollten homogen Geimpfte für den Boost gezielt den Impfstoff wechseln? (Kreiszeitung, 2022-06-01) Aber gegen die Form boostern hat dieses Lehnverb keine Chance: es macht in deutschen Texten gerade einmal ein Prozent der Treffer aus. Umgekehrt ist es im Englischen: hier findet sich seit Januar neben der Hauptform to boost mit steigender Tendenz auch die Form to booster: (3) I was vaccinated and boostered which made me lucky enough to only have mild symptoms. (Jimmy Fallon auf Instagram, 2022-01-04. (4) …the fully vaccinated and boostered and the unvaccinated are living in two different worlds. (New York Times, 2021-12-31) Da es das deutsche Verb aber schon spätestens seit Oktober 2021 gibt, war es vor dem englischen da – was natürlich nicht heißt, dass es aus dem Deutschen ins Englische entlehnt worden ist: Die Fähigkeit, aus Substantiven Verben abzuleiten, gibt es m Deutschen und im Englischen gleichermaßen, und dass die deutsche Sprachgemeinschaft dieses Potenzial hier früher erkannt hat, zeigt einmal mehr, dass Entlehnung kein passiver Prozess ist, bei dem fremde Wörter von außen in eine vorher reine Sprache eindringen, sondern eine aktive Handlung seitens der aufnehmenden Sprachgemeinschaft. Als Eigenkreation fügt sich das Verb boostern nahtlos ins grammatische System des Deutschen ein und übernimmt dabei das grammatische Verhalten des bedeutungsverwandten impfen – so, wie wir mit einem Impfstoff oder gegen eine Krankheit geimpft werden können, geht das auch mit boostern: (7) Sechs der sieben Teilnehmer der Reisegruppe waren mit Biontech geboostert. (Tagesspiegel, 2021-12-14) (6) Laut Verband könnte in rund 200 Apotheken gegen Corona geboostert werden. (Radio Gütersloh, 2021-12-01) Da boostern im allgemeinen Sprachgebrauch allerdings weitgehend auf COVID-Impfungen beschränkt ist, ist die Angabe der Krankheit (wie in Bsp. 6) eher selten. Das Verb boostern füllt also eine Lücke im deutschen Wortschatz und ermöglicht so eine knappe und präzise Ausdrucksweise, und es fügt sich nahtlos ins grammatische System des Deutschen ein. Wie die Impfung selbst ist es damit eine echte Bereicherung. Es wird der deutschen Sprache auch auf absehbare Zeit erhalten bleiben und sein Wortbildungspotenzial weiter entfalten – da die politisch Entscheidungstragenden nicht verstanden haben, wie Evolution funktioniert, werden sie noch eine ganze Weile versuchen, die Versäumnisse vergangener Impfkampagnen aufzuboostern, die Pandemie wegzuboostern, oder doch wenigstens die Bevölkerung durchzuboostern. Das ständig mutierende und nach wie vor tödliche Virus werden sie damit nicht einfangen, aber wenigstens tragen sie dazu bei, dass die deutsche Sprache lebendig bleibt. Dieser Beitrag wurde am 1. Februar 2022 von Anatol Stefanowitsch in Kommentare veröffentlicht. Schlagworte: Anglizismus, Anglizismus des Jahres, Deutsch, Englisch, Lehnwörter, Wörterwahlen. [Extern] Meinungsumfragen zum Thema „Gendern“ Von Sprachlog Anatol hat für die Sendung Zündfunk auf Bayern 2 mit Ferdinand Meyen über Meinungsumfragen zum Thema „Gendern“ gesprochen: Das Gendersternchen hat es auf die Titelseiten der Republik gebracht. Der Hintergrund: Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Auftrag der FAZ hat ergeben, dass 71 Prozent der Deutschen gegen das Gendern sind. Aber wie kommen solche Zahlen eigentlich zustande? Und warum lädt das Gendern überhaupt zum Aufregen ein? Wir haben bei Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch nachgefragt. [Schriftliche Fassung des Interviews auf br.de] Dieser Beitrag wurde unter Extern abgelegt am 23. Juni 2021 von Sprachlog. Funktioniert das Gendersternchen (und wie)? Von Anatol Stefanowitsch Das Gendersternchen wird in den Medien meistens im beliebten Pro-/Kontra-Format abgehandelt, wobei die „Pro“-Position immer „Für’s Gendern“ und die „Kontra“-Position „Gegen das Gendern“ ist. „Gendern“ wird dabei mit dem Gendersternchen (oder manchmal noch dem Genderdoppelpunkt) gleichgesetzt, und es wird so getan, als ginge es bei diesem Thema hauptsächlich um eine Meinungssache. Das ist aus vielen Gründen ärgerlich, von denen die für das Pro-/Kontra-Format typische „False Balance“ noch der geringste ist. Es ist ärgerlich, weil dadurch die vielen Fragen verdrängt werden, die es im Rahmen der grundlegenden Veränderungen im Sprachgebrauch, die wir im Bereich Gender seit einigen Jahren beobachten, zu stellen und zu diskutieren gäbe. Eine wichtige Frage ist, ob und wie die verschiedenen Formen, die derzeit praktiziert werden, psycholinguistisch wirken – wie sie also unsere Interpretation des Gesagten beeinflussen. Zu dieser Frage gibt es für das Gendersternchen nun erste Daten, die – soweit ich sehen kann – bisher nicht sehr breit wahrgenommen oder diskutiert worden sind. Die Studie benutzt eine Version eines Assoziationstest, den die Psychologinnen Dagmar Stahlberg, Sabine Sczesny und Friederike Braun im Jahr 2001 erstmals verwendet haben. Bei diesem Test werden Versuchspersonen gebeten, bekannte Mitglieder bestimmter Personengruppen zu nennen (Musikschaffende, Romanfiguren, schauspielerisch tätige Menschen, Sporttreibende, in der Politik tätige Menschen, Fernsehmoderierende). Entscheidend ist im Forschungsdesign dann, mit welcher Form diese Gruppe präsentiert wird – z.B. im „generischen“ Maskulinum (Musiker), in der Doppelform (Musiker und Musikerin) oder eben auch innovativen Formen. Die Antworten lassen sich dann daraufhin vergleichen, wieviele Männer, Frauen oder non-binäre Personen genannt werden – ein Hinweis darauf, wie die Form interpretiert wurde. (Wer die detaillierte Diskussion der Studien nicht lesen will, kann zum Abschnitt „Diskussion“ springen!) Stahlberg, Sczesny und Braun testeten in ihrer ersten Studie drei Formen: Maskulina (z.B. Nennen Sie ihren liebsten Romanhelden), geschlechtsneutrale Ausdrücke (heldenhafte Romanfigur) und Doppelformen (Romanheldin oder Romanheld). Es gab sechs solche Fragen. Die Autorinnen berichten die Ergebnisse in Form von Durchschnittswerten von Antworten, die sich auf weibliche Personen (Musikerinnen, Romanheldinnen usw.) bezogen. Da sechs Fragen gestellt wurden, kann dieser Wert zwischen 0 (es wurde keine Frau genannt) und 6 (es wurden nur Frauen genannt) liegen. Waren die Fragen im „generischen“ Maskulinum gestellt, wurden im Schnitt 0.67 weibliche Personen genannt (11 Prozent), waren die Fragen geschlechtsneutral gestellt, waren es 1.67 (27.8 Prozent) und enthielt die Frage eine Doppelform, waren es 1.68 (28 Prozent). In allen Bedingungen wurden also hauptsächlich männliche Personen genannt (weil Männer eben, auch, wenn sie nicht darauf hingewiesen werden wollen, der gesellschaftliche „Normalfall“ sind). Beim „generischen Maskulinum“ wurden aber signifikant weniger Frauen genannt als bei den anderen beiden Formen. Diese beiden Formen (neutrale Form und Doppelform) unterschieden sich dabei nicht signifikant voneinander. Das Ergebnis war also eindeutig: Das „generische“ Maskulinum lässt uns fast ausschließlich an Männer denken, bei geschlechtsneutralen Wörtern und Doppelformen sind wir wenigstens grundsätzlich in der Lage, uns auch Frauen vorzustellen (dabei gab es noch signifikante Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Versuchspersonen, aber dazu ein andermal mehr). In einem zweiten Experiment wurden die Versuchspersonen gebeten, jeweils drei Mitglieder der o.g. Personengruppen zu nennen. Hier wurden die Fragen im „generischen“ Maskulinum, in der Doppelform und unter Verwendung des Binnen‑I gestellt (Nennen Sie drei MusikerInnen). Nach drei Personen zu fragen, statt nur nach einer, hat zwei Vorteile: Die Fragen können im Plural gestellt werden, und die Versuchspersonen können ein flexibleres Assoziationsverhalten zeigen. Es gab vier solche Fragen, die Zahl der genannten Frauen konnte also theoretisch zwischen 0 und 12 liegen. In diesem Fall unterschieden sich das „generische“ Maskulinum (mit durchschnittlich 2.37 genannten Frauen, also 19.7 Prozent) und die Doppelform (mit durchschnittlich 2.67 genannten Frauen, also 22.2 Prozent) nicht signifikant voneinander (das „generische“ Maskulinum schnitt etwas besser ab als im ersten Experiment, die Doppelform etwas schlechter). Das Binnen‑I zeigte sich mit durchschnittlich 4.6 genannten Frauen (38.3 Prozent) als am besten geeignet, (binäre) gemischtgeschlechtliche Assoziationen auszulösen. Kommen wir nun zur oben angekündigten Studie über das Gendersternchen. Von der sind, soweit ich sehen kann, bisher nur die Daten veröffentlicht, die von der Marktforschungsagentur EARS and EYES für eine wissenschaftliche Abschlussarbeit erhoben wurden (wenn ich die Abschlussarbeit finde, werde ich hier darüber berichten). In der Studie wurde dasselbe grundsätzliche Design verwendet, wie in den früheren Studien. Hier wurden Versuchspersonen gebeten, je zwei Mitglieder aus drei verschiedenen Berufsgruppen zu nennen. Dabei wurde neben dem „generischen“ Maskulinum wieder die Beidnennung untersucht, neu hinzu gekommen ist das Gendersternchen (Nennen Sie zwei Schauspieler*innen, bzw. Musiker*innen, Moderator*innen). Die Ergebnisse werden in Form von Häufigkeiten berichtet – zur Vergleichbarkeit mit der Studie von Stahlberg, Sczesny und Braun habe ich sie in Prozentzahlen (Anteil genannter Frauen) umgerechnet. Beim „generischen“ Maskulinum wurden 18 Prozent Frauen genannt (ein Ergebnis, das gut zu den o.g. Studien passt), bei der Doppelform 28.5 Prozent (also ungefähr wie bei der ersten der o.g. Studien), und beim Gendersternchen 30.5 Prozent. Der Unterschied zwischen dem generischen Maskulinum und den anderen beiden Formen ist dabei statistisch signifikant, der Unterschied zwischen Doppelform und Gendersternchen nicht. Diskussion Zusammengefasst: Das „generische“ Maskulinum ist nicht geeignet, uns neben Männern auch an Frauen denken zu lassen (keine Überraschung, das wissen wir schon lange). Außerdem denken wir bei (fast) jeder sprachlichen Form hauptsächlich an Männer (auch das ist schon lange bekannt). Aber: Das Gendersternchen erhöht signifikant die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch an Frauen denken – allerdings nicht stärker als die traditionelle Doppelform (und nicht so stark wie das Binnen‑I)! Wir können also ebensogut weiterhin die Doppelform (Musikerinnen und Musiker) verwenden, um den Effekt des Gendersternchens (Musiker*innen) zu bekommen. Oder doch nicht? Haben wir da nicht etwas vergessen? Ach ja, richtig: Das Gendersternchen soll ja, anders als die Doppelform, neben Frauen auch nicht-binäre Menschen einschließen, also solche, die sich in die Kategorien „Mann“ und „Frau“ nicht einordnen können oder wollen. Das scheint das Gendersternchen aber empirisch nicht zu tun, und dafür gibt es vermutlich zwei Gründe, die diejenigen, denen es um die sprachliche Inklusion von nicht-binären Menschen geht, im Bewusstsein behalten müssen. Erstens reicht es nicht aus, eine neue Form zu schaffen und in ein altes System einzufügen. Egal, ob es der Unterstrich, der Genderstern oder der Doppelpunkt ist – diese Interpunktionszeichen bedeuten von sich aus nicht „hier sind nicht-binäre Menschen gemeint“, wenn wir sie in Wörter einfügen, die nach dem Schema „männlicher Wortstamm + weibliche Nachsilbe“ gebildet worden sind. Stattdessen scheinen sie zunächst einfach als Alternative zu traditionellen Sparschreibungen (wie Musiker/-innen) interpretiert zu werden. Das wäre eine Art Reparaturstrategie seitens der Sprachverarbeitung im Gehirn: Sie stößt auf etwas, das (noch) nicht Teil des Systems ist und integriert es, indem sie nach etwas Ähnlichem sucht, das bereits Teil des Systems ist. Damit das Gendersternchen (oder eine beliebige Alternative) mehr als das werden kann, muss seine Einführung mit einer breiten gesellschaftlichen Diskussion darüber einhergehen, was es bedeuten soll. Und dazu ist es nötig, die Sprachgemeinschaft (oder wenigstens große Teile) davon zu überzeugen, dass es (a) nicht-binäre Menschen gibt, dass diese (b) in den traditionellen Sprachformen nicht sichtbar sind, und dass © das Sternchen ein Versuch ist, das zu ändern. Das sind drei Annahmen, deren Akzeptanz (einzeln oder gemeinsam) nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Zweitens zeigt sich in dem Experiment vermutlich auch der Einfluss einer weiteren Variable: Die meisten Versuchspersonen kennen schlicht keine nicht-binären Musiker*innen, Schauspieler*innen oder Moderator*innen, deshalb können sie sie in einem Experiment nicht nennen. Tatsächlich kennen die meisten Mitglieder der Sprachgemeinschaft wahrscheinlich grundsätzlich keine (oder nur sehr wenige) nicht-binäre Menschen, einfach, weil diese eine sehr kleine Minderheit darstellen – deshalb haben sie auch keine mentale Repräsentation dieser Gruppe, die sie mit dem Gendersternchen verknüpfen könnten. Auch hier gilt es, die gesellschaftliche Sichtbarkeit und Wahrnehmung der betroffenen Gruppe zu verändern. Das ist bei sehr kleinen Gruppen schwieriger, als bei sehr großen Gruppen (etwa Frauen, die eine Bevölkerungsmehrheit darstellen). Wenn die Sprachgemeinschaft ein mentales Konzept der Kategorie „nicht-binäre Menschen“ haben soll, das mit dem Gendersternchen verknüpft werden kann, müssen hier aber Wege gefunden werden. Mit anderen Worten: Das Gendersternchen ist nicht die Lösung für das Problem der Unsichtbarkeit nicht-binärer Menschen, es ist nur ein erster Schritt. Heißt das, dass wir ebensogut darauf verzichten können? Nein, denn mit unserer Sprache bilden wir nicht nur Inhalte ab, wir kommunizieren auch unsere Perspektive (bei Karl Bühler hieß diese Funktion noch „Ausdruck“, im beliebten „Kommunikationsquadrat“ von Schulz von Thun heißt sie „Selbstkundgabe“). Indem wir das Gendersternchen bewusst und aus eigener Entscheidung verwenden, zeigen wir der betroffenen Gruppe wenigstens, dass wir sie wahrnehmen wollen. Da das Gendersternchen bisher nicht besser darin ist, die Sichtbarkeit von Frauen (die ja auch darin inkludiert sein sollen) zu erhöhen, als die Doppelform, sollten wir außerdem nicht voreilig auf das Binnen‑I verzichten (das viele Institutionen jetzt hastig aus ihren Genderleitfäden streichen). In Zusammenhängen, in denen es vorrangig um die Sichtbarkeit von Frauen geht (und solche Zusammenhänge gibt es ja immer noch viele), ist es eine sehr effektive Form. Dieser Beitrag wurde am 18. Juni 2021 von Anatol Stefanowitsch in Kommentare veröffentlicht. Schlagworte: Deutsch, Gender, Gendersternchen, geschlechtergerechte Sprache, geschlechtsneutrale Sprache. Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2020: Lockdown Von Anatol Stefanowitsch Anglizismus des Jahres ist das Wort Lockdown als Bezeichnung für eine Mischung aus mehr oder weniger strengen Ausgangsbeschränkungen, Einschränkungen der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit und Kontaktbeschränkungen bei gleichzeitigem Schließen ausgewählter öffentlicher Einrichtungen. Dass die COVID-19-Pandemie nach dem Wort des Jahres („Corona-Pandemie“) und dem Unwort des Jahres [PDF] („Corona-Diktatur“) auch beim Anglizismus des Jahres ihre Spuren hinterlassen würde, ist angesichts der tiefgreifenden Umwälzungen des öffentlichen Lebens und Handelns, das sie verursacht hat, sicher nicht überraschend. Das Wort Lockdown ist aber auch in anderer Hinsicht ein perfekter Anglizismus des Jahres: Zum einen ist es brandneu – in der aktuellen Bedeutung ist es erst im März 2020 ins Deutsche entlehnt worden. Zum anderen ist es in kurzer Zeit zu einem selbstverständlichen und nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der deutschen Sprache geworden. Vor- und Frühgeschichte Das Wort lockdown taucht im Englischen zum ersten Mal im Jahr 1832 auf, bezeichnete zunächst aber einen Befestigungsmechanismus im Floßbau und dann verschiedene Arten von Pflöcken, Haken und Sicherungsstiften. © Luis Argerich, CC BY-SA 2.0 Mit dem heutigen Lockdown hat dieser in der Alltagssprache selten verwendete technische Terminus aber vermutlich nichts zu tun. Dessen Vorläufer findet sich erst ab den 1970er Jahren, zunächst im amerikanischen Englisch. Das Oxford English Dictionary nennt folgenden Erstbeleg (wobei die Selbstverständlichkeit, mit der das Wort hier verwendet wird, vermuten lässt, dass es im Sprachgebrauch zu dieser Zeit schon etabliert war): A full-scale lockdown, the first in the 18-year history of the 1.950-inmate Vacaville facility, was imposed immediately after the knifing. [Santa Cruz Sentinel, 3. Dezember 1973] Hier bezeichnet das Wort eine Situation, in der die Inhaftierte in einem Gefängnis (oder hier, einem Gefängniskrankenhaus), aus Sicherheitsgründen in ihre Zellen eingeschlossen werden. Das ist noch nicht die heutige Bedeutung, aber – und das ist einer dieser merkwürdigen Zufälle, die einem niemand glauben würde, wenn man sie erfände – der Artikel, aus dem dieser Erstbeleg stammt, handelt von einer Messerattacke auf einen berüchtigten Serienmörder, der ausgerechnet Juan Corona hieß. Anfang der 1980er Jahre erfolgte eine entscheidende Bedeutungserweiterung: Das Wort wurde jetzt auch für Situationen verwendet, in denen nicht die Bewegungsfreiheit derjenigen eingeschränkt wurde, die eine Gefahr darstellen, sondern derjenigen, die vor einer Gefahr geschützt werden sollen: Officials also confirmed that they instituted a “security lockdown” at the PUREX plant Monday when a can containing less than 100 grams of plutonium sludge was found to be missing. [Arizona Republic, 16. Dezember 1984] Ab den 2000ern wird das Wort dann auch verwendet, wenn die Bewegungsfreiheit in ganzen Städten eingeschränkt wird, wie in diesem Artikel über New York nach den Terrorangriffen auf das World Trade Center: We heard the city was on lockdown and that it wasn’t possible to get in. They went anyway. [Quill Magazine, 1. Mai 2002] © Brandon Gregory, CC BY-SA 4.0 Int. Ab März 2020 findet sich das Wort dann in der Pandemie-bezogenen Bedeutung, in der es auch ins Deutsche entlehnt wurde. Das Wort erscheint sehr plötzlich in den weltweiten Google-Suchtrends der zweiten Märzwoche und steigt in der letzten Märzwoche auf einen Höchststand. Ein Grund für dieses Interesse könnte die in Indien am 25. März 2020 verhängte Aussetzung der Bewegungsfreiheit im gesamten Land sein, eine der ersten Maßnahmen dieser Art, die offiziell als lockdown bezeichnet wurden. Entlehnung und jüngere Geschichte Nachdem zu Beginn der Pandemie zunächst Umschreibungen wie „Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie“ oder „Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus“ verwendet wurden, finden sich frühe journalistische Belege für das Wort lockdown in der Berichterstattung über Indien, z.B hier: Darunter sind vor allem junge männliche Tagelöhner, aber auch Familien, die nach dem vollständigen “Lockdown”, wie die Ausgangssperre in Indien genannt wird, keine Einkünfte und in vielen Fällen auch kein Dach mehr über dem Kopf haben. [tagesschau.de, 29.3.2020] Zu diesem Zeitpunkt ist das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch aber vereinzelt auch schon als Bezeichnung für die Maßnahmen in Wuhan zu finden, in den Folgemonaten stabilisiert sich die Verwendungshäufigkeit auf hohem Niveau und steigt im Oktober – im Vorlauf des bis heute andauernden zweiten deutschen Lockdowns – noch einmal an. Das Wort Lockdown hat sich schnell etabliert und zeigt sich äußerst produktiv. Es kommt in Dutzenden von Wortverbindungen und zusammengesetzten Wörtern vor (das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache hat auf seiner Wortschatzliste zur Pandemie 27 etablierte Ausdrücke, aber in den Zeitungstexten im Deutschen Referenzkorpus findet sich ein Vielfaches. Auf der Grundlage dieser zusammengesetzten Wörter und Wortverbindungen ließe sich eine Kulturgeschichte des Lockdowns rekonstruieren. Viele der Zusammensetzungen beziehen sich auf eine im Zuge der Pandemie immer wieder diskutierte Frage: Wie streng sollen oder dürfen die Maßnahmen sein, und ab wann zählen sie wirklich als „Lockdown“? Es gibt den abgespeckten Lockdown, den kleinen Lockdown, den weichen Lockdown, den Lockdown light, den Minilockdown, den Softlockdown, das Lockdownchen und den in dünnen Scheibchen beschlossenen Salamilockdown, aber auch den harten Lockdown und den Volllockdown. Das Hin und Her beim lockdownen zeigt sich an Wörtern wie Jo-Jo-Lockdown, Lockdown-Lockerungen, Lockdown-Verlängerung, Lockdown-Verschärfung. © Hadi, CC BY-SA 4.0 Int. Auch die Spaltung der Gesellschaft bezüglich ihrer Positionen zum Lockdown spiegelt sich im Wortschatz wieder. Es gibt den Lockdown-Gegner, den Lockdown-Kritiker, den Lockdown-Rebell, den Lockdown-Protest auf der einen Seite, und den Lockdown-Befürworter oder gar Lockdown-Fetischisten auf der anderen. Daneben gibt es Lockdown-Sünder, Lockdown-Brecher, Lockdown-Gewinner und Lockdown-Profiteure. Und auch die (großen und kleinen) Konsequenzen des Lockdown lassen sich am Wortschatz ablesen – von der Lockdown-Frisur, den Lockdown-Kilos der Lockdown-Langeweile und dem Lockdown-Blues bis zur Lockdown-Depression, den Lockdown-Opfern und der Lockdown-Pleitewelle. Nicht nur Substantive hat uns das Wort Lockdown beschert. Auch Adjektive wie lockdowngeplagt, lockdownbedingt und lockdownähnlich finden sich, und sogar als Verb taucht das Wort bereits vereinzelt auf: Als wollten alle mal mitreden — und womöglich auch mal lockdownen. Oder heißt es downlocken? Egal. Wir wollen auch mal schließen dürfen… [Lukas Hammerstein, BR, 5.11.2020] Wir waren sieben Wochen gelockdownt in der Wohnung – ich wurde zweimal von der Guardia Civil beim Einkaufen festgenommen. [Fil Tägert, RND, 12.12.2020] Jetzt haben wir uns eigentlich wieder gefreut, dass wir mehr spielen und jetzt ist wieder alles gelockdowned. [Johnny Schuhbeck, Deutschlandfunk, 4.12.2020] Zukunft Ob Lockdown zu einem singulären Namen für das Leben während der COVID-19-Pandemie oder zu einem allgemeinen Wort für die betreffenden Maßnahmen wird, hängt sicher davon ab, wie bald wir nach dem – derzeit ja noch nicht absehbaren – Ende dieser Pandemie mit der nächsten konfrontiert sind. Da zumindest die Gesellschaften Europas, der USA und Lateinamerikas gezeigt haben, dass sie selbst mit Vorwarnung nicht willens und in der Lage sind, eine entstehende Pandemie im Keim zu ersticken, ist anzunehmen, dass das recht bald der Fall sein wird. Wir können uns dann mit zunehmender Lockdown-Müdigkeit seitens der Politik auf immer weitere abschwächende Wortbildungen gefasst machen – Femtolockdown, und homöopathischer Lockdown warten schon auf ihren Auftritt. Fazit Die Wörterwahl „Anglizismus des Jahres“ soll zeigen, dass Entlehnungen eine Sprache grundsätzlich bereichern – dass sie den Wortschatz erweitern, ausdifferenzieren, ausdrucksstärker machen. Aus dieser Sicht sind das Wort Lockdown und die große Wortfamilie, die sich in seinem Umfeld gebildet hat, Paradebeispiele. Ohne sie könnten wir über unser Erleben der Pandemie und ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen kaum so vielschichtig sprechen, wie wir es tun. Stattdessen würden wir ständig über das behördendeutsche Wort Maßnahmen stolpern. Dieser Beitrag wurde am 2. Februar 2021 von Anatol Stefanowitsch in Kommentare veröffentlicht. Schlagworte: Anglizismus des Jahres, Anglizismus des Jahres 2020, Deutsch, Englisch, Lehnwörter, Wortschatz. Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2019: … for Future Von Anatol Stefanowitsch Anglizismus des Jahres 2019 ist der Phraseologismus [… for future], der die Grundlage für den Namen der von Jugendlichen in vielen Ländern getragenen Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“ bildet, aber der auch produktiv verwendet wird, um allgemein die Klimafreundlichkeit bestimmter Verhaltensweisen anzudeuten – zum Beispiel, wenn Umweltschutzorganisationen ein böllerfreies Silvester for Future anmahnen oder unter Feiern for Future Tipps für ein nachhaltiges Weihnachten geben, über eine klimaneutrale Wohngemeinschaft mit dem Begriff WG for future berichtet oder unter dem Begriff Grundgesetz for Future ein Verfassungsstatus für Nachhaltigkeit gefordert wird. Diese sprachlich produktive Phraseoschablone (wie solche feststehenden Redewendungen mit einer frei besetzbaren Leerstelle genannt werden) leitet sich ab aus dem Namen der eben erwähnten Klimaschutzbewegung. Diesen Namen wiederum hat die schwedische Aktivistin Greta Thunberg geschaffen, die ihn am 8. September 2018 erstmals als Slogan in Form eines Hashtags in einem Tweet verwendete: Vor- und Frühgeschichte Eine englische Vorgeschichte hat der Ausdruck nicht: Es gibt im Englischen keine ähnlichen Slogans oder Namen für Bewegungen und Bündnisse. Das liegt nicht daran, dass man sich im englischen Sprachraum nicht um die Zukunft kümmert, sondern an der merkwürdigen grammatischen Form des Slogans: Im Englischen können nur nicht-zählbare Substantive wie humanity (Habitat for Humanity) oder Substative in der Mehrzahl (National Organization for Women) ohne einen Artikel wie the oder a(n) stehen. Da future zählbar ist, braucht es einen Artikel – so wie in den Bezeichungen für Institutionen wie Resources for the Future, Southern Forest for the Future und Women for the Future. Beim Slogan „Fridays for Future“ fehlt der Artikel, was ihn im Englischen grammatisch merkwürdig erscheinen lässt – weshalb englischsprachige Medien ihn manchmal stillschweigend zu „Fridays for the Future“ korrigieren. Foto: A. Hellberg (CC-BY-SA 4.0 Int.) Für diese merkwürdige grammatische Form ist vermutlich eine grammatische Besonderheit von Thunbergs Muttersprache Schwedisch verantwortlich: Der definite Artikel (der, die das im Deutschen, the im Englischen) wird dort als Nachsilbe -en oder -et an das Substantiv gehängt: bil “Auto” ~ bilen “das Auto”, träd “Baum” ~ trädet “der Baum”, usw. Das grammatisch erwartbare englische Fridays for the future hieße auf Schwedisch fredagar för framtiden (z.B. hier), wobei die Endung -en eben dem englischen the entspricht.Als Thunberg das Hashtag #FridaysForFuture prägte, orientierte sie sich vermutlich an dieser oberflächlich artikellosen Struktur. Dafür spricht auch, dass zwei alternativen englischen Namen der Bewegung – School Strike for Climate (Australien) und Youth Strike for Climate (UK) – ebenfalls der definite Artikel fehlt: Beide Namen sind direkt an Thunbergs berühmtes Plakat Skolstrejk för Klimatet angelehnt, wobei die definite Nachsilbe -et des schwedischen Originals (klimat “Klima” ~ klimatet “das Klima”) bei der Übersetzung ebenfalls nicht mit übersetzt wurde. Jüngere Geschichte Zunächst benannten sich andere Bündnisse analog zu diesem Namen, wobei sie das Wort Friday durch eine Charakterisierung ihrer Mitglieder ersetzten – z.B. durch Berufsbezeichnungen, wie bei den Scientists for Future, den Students for Future oder den Omas for Future, oder durch Orts- und Herkunftsbezeichnungen wie Potsdam for Future, Kaarster for Future oder Bad Zwischenahn For Future. Auch ironische Verwendungen dieser Form und Bedeutung finden sich, wenn z.B. Versuche von Parteien, sich als umweltbewusst darzustellen, als Freie Demokraten for future oder CDU for Future bezeichnet werden. Schon hier ist die Form der Schablone [… for Future] klar erkennbar. Eine erste Bedeutungserweiterung erfährt sie durch eine Ausweitung von Bündnissen auf konkrete Demonstrationen, z.B. Fahrradkuriere for Future oder den Slogan Tennis for Future, mit dem ein Tennisvereins dazu aufrief, vor einem Spiel noch bei der Fridays-for-Future-Demo mitzumachen. Interessant ist hier die Überschrift Flugbegleiter for Future zu einem taz-Artikel, in dem es um den Streik der Flugblegleiter/innen geht, die damit unabsichtlich zur Schonung des Klimas beitragen. [… for future] bezeichnet hier nicht die tatsächliche Intention, sondern eine Nebenwirkung. Bald werden nicht nur Demonstrationen mit der Phraseoschablone benannt, sondern auch andere umweltbezogene Aktionen, etwa das Aufsammeln von Abfall – Bernsdorfer Oberschule for Future und Firmlinge for Future – und Informationsveranstaltungen zur Nachhaltigkeit – Alltag for future und Spielmobil for future. Im nächsten Schritt wird die Schablone erweitert, um ganz allgemein umweltfreundliche Verhaltensweisen zu benennen – Mehrweg for Future, Kleidertausch for future, Radeln for Future oder das oben schon erwähnte böllerfreie Silvester for Future. Die Wirtschaft hat die Formel noch nicht auf breiter Ebene für sich entdeckt, um Produkte als umweltfreundlich darzustellen – erste Versuche sind der Coffee for Future eines österreichischen Herstellers und die Nürnberger Spielzeugmesse Toys for Future. Allerdings gibt es Versuche, die Schablone für Zwecke zu kapern, die mit Klima, Umwelt oder Nachhaltigkeit nichts zu tun haben, etwa, wenn der Zentralverband des Deutschen Handwerks mit dem Slogan Handwerk for Future „junge Menschen für das Handwerk zu begeistern“ gedenkt oder wenn die FDP mit dem Wahlslogan Bildung for Future Investitionen ins Bildungssystem verspricht. Dabei schwingt immer mit, dass die jungen Klimaaktivist/innen sich lieber um die genannten Dinge als um das Klima kümmern sollten. Zukunft Die zunehmende Integration des Ausdrucks for future in die Deutsche Sprache zeigt sich an ersten Veränderungen im grammatischen Verhalten – der Ausdruck for future löst sich aus der Phraseoschablone und tritt als adverbiale Bestimmung mit verschiedenen Wortarten auf. Zunächst gibt es Verwendungen, die formal noch der Schablone entsprechen, bei denen for future in seiner Bedeutung aber einer adverbialen Bestimmung der Art und Weise entspricht: (1) Wir brauchen ein Parlament, das Klimaschutzverantwortung übernimmt, eine Politik for Future. (derStandard, 28.6.2019) Noch deutlicher ist diese Funktion dort, wo for future mit Verben auftritt: (2) Realschülerinnen pflanzen for Future (PNP, 29.10.2019) (3) Länger tragen for Future (HORIZONTmagazin Modemarketing, 19.06.2019, Seite 3) (4) Angekettet for future (taz, 18.3.2019) Und sogar als eigenständiges Subjektsprädikativ kommt die Phrase bereits vor: (5) Eine Klimaklage ist auch „for future“ (Tagesspiegel, 31.10.2019) Fazit Anglizismen – das zeigen die Ausdrücke, die wir in den letzten zehn Jahren in unserem Wettbewerb gekürt haben, immer wieder – überrollen das Deutsche (und andere Sprachen) nicht, wie eine Naturgewalt. Stattdessen eignen sich die Mitglieder ganz unterschiedlicher Sprachgemeinschaften englisches Wortgut aktiv an und nutzen es für ihre eignen kommunikativen Bedürfnisse. Im Falle des Phraseologismus [… for future] ist das Bedürfnis ein globales, und der Schöpfungsprozess ebenfalls: Eine schwedische Muttersprachlerin prägt einen englischen Slogan unter Rückgriff auf grammatische Eigenheiten des Schwedischen. Dieser Slogan wird dann weltweit als Name einer Klimaschutzbewegung aufgegriffen und als Vorbild für die Namensbildung weiterer Bündnisse verwendet. Schließlich bildet sich im Deutschen eine Variante mit einer Leerstelle, in die zunächst andere Substantive und inzwischen auch Verben eingesetzt werden können, um allgemein ein klimabewusstes Handeln zu bezeichnen. Das zeigt, dass die englische Sprache längst allen Sprachgemeinschaften der Welt gehört, die sich hier eine sprachliche Form geschaffen haben, um die Hoffnung nach einer Zukunft ohne Klimakollaps Ausdruck zu verleihen – ob das den Sprachpurist/innen und CO2-Apologet/innen nun gefällt oder nicht. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt am 28. Januar 2020 von Anatol Stefanowitsch. Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2018: Gendersternchen Von Anatol Stefanowitsch Der Anglizismus des Jahres 2018 ist Gendersternchen. Falls jemand das letzte Jahr abgeschnitten von der Außenwelt verbracht hat: das Wort bezeichnet ein typografisches Zeichen (*), das bei Personenbezeichnungen zwischen der männlichen und der zusätzlich angefügten weiblichen Endung gesetzt wird, um neben Männern und Frauen auch Menschen mit anderer geschlechtlicher Identität miteinzubeziehen und sichtbar zu machen [Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache, s.v. Gendersternchen] Es geht also um den Asterisk in Wörtern wie Linguist*in oder Sprachkritiker*innen. Um Missverständnisse von Vornherein auszuschließen: Die Jury würdigt damit ausdrücklich nicht das * an sich, sondern das Wort dafür, denn obwohl das Sternchen selbst aufgrund seiner Rolle in öffentlichen Diskussionen um geschlechtergerechte Sprache gute Aussichten hätte, „Interpunktionszeichen des Jahres“ zu werden, bleibt die Jury bei ihrer Kernaufgabe, nämlich, die Bereicherung des deutschen Wortschatzes durch englisches Lehngut zu beobachten und zu prämieren. Mit Gendersternchen hat die Jury zum ersten Mal in der Geschichte dieser Wörterwahl eine englisch-deutsche Hybridform zum Anglizismus des Jahres gewählt. Aber das ist noch nicht der interessanteste Aspekt der diesjährigen Wahl. Wenn wir in die Vergangenheit des Wortes blicken, stellen wir zunächst fest, dass es sich aus dem vollständig aus englischem Sprachmaterial bestehenden Wort Genderstar entwickelt hat. Die erste im Deutschen Referenzkorpus dokumentierte Verwendung diese Wortes stammt aus dem Jahr 2013 und ausgerechnet aus der Feder des wenig Gender-affinen Kolumnisten Jan Fleischhauer: Kaum etwas ist so flüchtig wie der Fortschritt: Auch der Unterstrich als Genderzeichen ist schon wiedet veraltet, wie ich im Forum lernen musste (Dank an “fredheine”, Benutzer seit 14.10.2009!). Wer rechtschreibmäßig wirklich auf der Höhe der Zeit sein will, schreibt BäckermeisterInnen heute mit “Genderstar” , also: Bäckermeister*innen. Der Stern steht für die Vielfalt an Varianten, die Transgender haben kann. [Der Schwarze Kanal, 21.3.2013] Natürlich ist das nicht die erste Verwendung des Wortes überhaupt – das Zitat selbst legt ja nahe, dass das Wort vorher schon im Forum des Online-Mediums verwendet wurde, und auch da wird man es kaum erfunden, sondern von anderswo aufgegriffen haben. Aber die Verwendung in einer reichweitenstarken Kolumne dürfte für die anfängliche Verbreitung im allgemeinen Sprachgebrauch durchaus eine Rolle gespielt haben. Der genaue Ursprung des Wortes lässt sich nicht ermitteln, aber auf jeden Fall liegt er nicht im englischen Sprachraum, denn dort sind Personenbezeichnungen ohnehin weitgehend geschlechtsneutral. Das Gendersternchen ist eine deutsche Erfindung, und das Wort Genderstar ist es auch. Es handelt sich dabei also um einen sogenannten „Schein-“ oder „Pseudoanglizismus“ – es besteht zwar aus den englischen Wörtern gender und star, ist aber eine deutsche Wortbildung. Das dürfte vielen Sprecher/innen nicht bewusst sein, denn bis heute wird diese pseudoenglische Urform gerne, wie für das Englische typisch, getrennt geschrieben – wie jüngst in einer Pressemitteilung der Stadt Hannover: Erst in zweiter Linie, wenn eine solche Formulierung nicht möglich ist, wird das sicherlich auffälligste Mittel – der “Gender Star” – eingesetzt. Das Sternchen* zwischen der maskulinen und femininen Endung soll in der Schriftsprache als Darstellungsmittel aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten dienen und hebt gezielt den Geschlechterdualismus auf. [Neue Regelung für geschlechtergerechte Sprache, hannover.de, 18.1.2018] Einen kleinen Bekanntheitsschub erhält das Wort Gender Star 2015, als die Grünen beschließen, auf Parteitagen in Zukunft nur noch Anträge zu bearbeiten, die das Sternchen verwenden (das Sprachlog berichtete). Doch zu diesem Zeitpunkt findet sich bereits die zur Hälfte eingedeutsche Form Genderstern, erstmals dokumentiert im österreichischen Magazin Falter: Im Feminismus für Fortgeschrittene kann man sich daher um Transgendertoiletten und den Genderstern *, die alle Geschlechtervarianten inkludierende Schreibweise, kümmern. Mit dem Siegeszug der Rechtspopulisten scheint der kurze Sommer des Genderfeminismus aber zu Ende zu gehen. [Emanzipation für Fortgeschrittene, Falter, 8.3.2017] Obwohl der Beschluss der Grünen und die darauf folgende zunehmende Verwendung in deren öffentlicher Kommunikation zur weiteren Verbreitung des Sternchens an sich beigetragen haben dürften, setzt sich das Wort Gender Star nicht durch sondern wird ab 2016 zunehmend durch die heute übliche Form Gendersternchen verdrängt. Warum hier die Verkleinerungsform bevorzugt wird, darüber kann man nur spekulieren. Es könnte ein Ausdruck zärtlicher Zuneigung gegenüber dem Asterisk sein, aber wahrscheinlicher liegt es daran, dass das Symbol auch in der Typografie meistens Sternchen genannt wird. Allerdings sind alle drei Formen des Wortes zu diesem Zeitpunkt noch sehr selten, in die breite Öffentlichkeit dringen die Diskussionen um das Für und Wider des Sternchens noch nicht. Das ändert sich erst 2018, als sich der Rat für deutsche Rechtschreibung auf Anfrage des Landes Berlin mit der Frage befasste, ob das Gendersternchen in die Amtliche Rechtschreibung aufgenommen werden soll. Der Rat sprach sich dagegen aus (PDF), aber die Diskussion war da und trieb die Verwendungshäufigkeit des Wortes in die Höhe – zwischen 2017 und 2018 verzehnfachte sie sich im Deutschen Referenzkorpus (siehe hier). Überzeugt hat die Jury am Wort Gendersternchen aber nicht nur dieser sprunghafte Anstieg im öffentlichen Sprachgebrauch, obwohl der natürlich darauf hinweist, dass es hier einen Redebedarf gab, für den es ein Wort brauchte. Das Wort zeigt auch, dass die Aufnahme von Lehngut in eine Sprache kein passiver, willenloser Prozess ist. Schon sein Ursprung als Pseudolehnwort zeigt, dass Sprachgemeinschaften einmal entlehntes Sprachmaterial nach ihren eigenen Bedürfnissen weiterverarbeiten. Pseudoanglizismen sind also ganz reale deutsche Wörter. Der aktive Umgang mit dem Lehngut zeigt sich auch an der schnellen Integration der Neubildung in den Wortschatz des Deutschen. Für das Wort Gender gibt es kein genuin deutsches Äquivalent, also wird dieses gut etablierte Lehnwort beibehalten. Das Wort Star hingegen hat zum einen im Deutschen eine gebräuchliche Entsprechung – eben Stern bzw. Sternchen –, und zum anderen gibt es ein Lehnwort Star mit der im Kontext des Gender Star unpassenden Bedeutung „prominente Person“. Die Sprachgemeinschaft entscheidet sich hier deshalb für eine Eindeutschung – so bleibt die Differenzierung zwischen Star und Stern erhalten, und das Wort Gendersternchen wird transparenter und damit leichter erlern- und verwendbar. So wird die lexikalische Lücke gefüllt, die sich durch den eingeschobenen Asterisk auftut. Ob man diesen mag oder nicht, ob man die Absichten dahinter gutheißt oder ablehnt – das Sternchen ist da und wird so schnell nicht verschwinden, und um darüber zu streiten braucht die Sprachgemeinschaft ein Wort – ob das Gendersternchen eine Bereicherung für die deutsche Sprache ist, bleibt abzuwarten – das Wort Gendersternchen ist es auf jeden Fall. Dieser Beitrag wurde am 20. Januar 2019 von Anatol Stefanowitsch in Kommentare veröffentlicht. Schlagworte: Anglizismus des Jahres, Anglizismus des Jahres 2018, Deutsch, Englisch, Wörterwahlen. Unwort des Jahres: Anti-Abschiebe-Industrie Von Anatol Stefanowitsch Die Sprachkritische Aktion hat gerade das Unwort des Jahres bekanntgegeben: Anti-Abschiebe-Industrie (PDF). Nach Volksverräter (2016), Gutmensch (2015), und Lügenpresse (2014) ist damit zum vierten Mal in den letzten fünf Jahren ein Begriff zum Unwort gewählt worden, mit dem Akteure am rechten Rand Institutionen und Menschen kritisieren, die sich im Prinzip nur um die Aufrechterhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien bemühen. In diesem Fall war es der CSU-Politiker Alexander Dobrindt, der den Begriff in die öffentliche Debatte warf, um dem Bemühen um eine rechtskonforme Behandling von Asylbewerber/innen die Legitimität abzusprechen: Der Ausdruck unterstellt denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen und Abschiebungen auf dem Rechtsweg prüfen, die Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge schützen und damit in großem Maßstab Geld verdienen zu wollen. Der Ausdruck Industrie suggeriert zudem, es würden dadurch überhaupt erst Asylberechtigte „produziert“. [Pressemitteilung der Sprachkritischen Atkion] Der Begriff fügt sich nahtlos in ein allgemeines Framing ein, das jeden Einsatz für Schwächere als Handeln mächtiger Akteure im Hintergrund darstellt — er ist nicht weit entfernt von rechtsradikalen Verschwörungtheorien, nach denen schwammig definierte Eliten (die oft von Angela Merkel, den Grünen und/oder George Soros angeführt werden) sich bereichern, indem sie die angestammte Bevölkerung des Landes durch Geflüchtete ersetzen wollen. Das ist kein Zufall: der Begriff greift direkt das gut etablierte rechtsradikale Schlagwort der Asylindustrie auf. Auf breiter Ebene durchgesetzt hat sich die von Dobrindt popularisierte Wortschöpfung nicht, aber rechte Parteien, von der AfD bis zur NPD, haben das Wort dankbar aufgegriffen. Dass ein Politiker einer in ihrem Selbstverständnis demokratischen Partei sich auf diese Weise zum Stichwortgeber für Rechtsradikale macht — und Dobrindt ist da nicht der einzige –, trägt mehr zur oft beklagten „Verrohung“ des öffentlichen Sprachgebrauchs bei, als es die Rechtsradikalen alleine jemals könnten. Die Unwort-Jury hat ihre Sache also wieder einmal gut gemacht — auch wenn die CSU sich von der Negativauszeichnung, die ihr radikalisierter Sprachgebrauch heute erfährt, wohl nicht mäßigen lassen wird. Dieser Beitrag wurde am 15. Januar 2019 von Anatol Stefanowitsch in Allgemein, Kommentare veröffentlicht. Schlagworte: Deutsch, Politische Sprache, Unwort, Unwort des Jahres, Wörterwahlen. Wort des Jahres: Heißzeit Von Anatol Stefanowitsch Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat einen Job, um den sie nicht zu beneiden ist: sie muss — da sie nun einmal irgendwann damit angefangen hat — jedes Jahr ein Wort des Jahres wählen. Eigentlich eine schöne, spannende Aufgabe, wäre da nicht ein ungeschriebenes aber eisernes Gesetz: das Wort darf keinesfalls tatsächlich in nennenswerter Häufigkeit verwendet worden sein, schon gar nicht im Jahr, für das es gewählt wurde. Aber anders als der Langenscheidt-Verlag es mit dem Jugendwort macht, darf die GfdS das Wort auch nicht völlig frei erfinden oder aus einem YouTube-Video von Moneyboy klauen. Wie gesagt, nicht zu beneiden. Aber man muss es ihnen lassen, sie machen diesen Job ganz hervorragend: Das Wort des Jahres 2018 ist Heißzeit. Diese Entscheidung traf am Mittwoch eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden. [Pressemitteilung der GfdS] Genial. Man nimmt ein Wort aus einer Pressemitteilung des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung PIK, die Anfang August kurz für Aufmerksamkeit gesorgt hat, bevor wir alle den Klimawandel wieder kollektiv verdrängt haben. Und die Begründung: Sie thematisiert damit nicht nur einen extremen Sommer, der gefühlt von April bis November dauerte. Ebenfalls angedeutet werden soll eines der gravierendsten globalen Phänomene des frühen 21. Jahrhunderts, der Klimawandel. Gut, eigentlich hat das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung damit den Klimawandel thematisiert. In einer (in Worten 1) Pressemitteilung. Aber Schwamm drüber, warum es Wort des verdammten Jahres ist, will ich wissen. Ah: Nicht zuletzt ist Heißzeit eine interessante Wortbildung. Mit der lautlichen Analogie zu Eiszeit erhält der Ausdruck über die bloße Bedeutung ›Zeitraum, in dem es heiß ist‹ hinaus eine epochale Dimension und verweist möglicherweise auf eine sich ändernde Klimaperiode. Ja, genau darauf verweist es. Nicht „möglicherweise“, sondern ganz, ganz deutlich. In einer Pressemitteilung des PIK. Warum es Wort des Jahres ist, will ich wissen. Ehrenmann, wer mir das erklären kann. Dieser Beitrag wurde am 14. Dezember 2018 von Anatol Stefanowitsch in Kommentare veröffentlicht. Schlagworte: Deutsch, Wort des Jahres, Wort des Jahres 2018, Wörterwahlen. Gendergap und Gendersternchen in der gesprochenen Sprache Von Anatol Stefanowitsch Im feuilletonistischen Eklat um verschiedene Formen der geschlechtergerechten Rechtschreibung, über die der Rechtschreibrat gestern erstmals beraten und mit denen er sich in den nächsten Monaten genauer beschäftigen will, wird immer wieder die Frage gestellt, wie man diese Formen den aussprechen solle. Genauer gesagt, es wird – im Einklang mit dem allgemein sehr selbstzufriedenen Ton der Kritiker/innen – unterstellt, dass man sie eben nicht aussprechen könne. Tatsächlich lässt sich diese Frage beantworten (bzw. die Unterstellung aus der Welt räumen). Auch wenn die Kritier/innen es sich offenbar nicht vorstellen können, machen die Befürworter/innen geschlechtergerechter Sprache sich sehr ausführlich Gedanken über das, was sie tun, und lösen solche Probleme lange bevor sie den Kritiker/innen überhaupt auffallen. Bei den sogenannten Sparschreibungen mit Schrägstrichen oder Klammern – also z.B. Kritiker/-in oder Befürworter(inn)en – ist die Sache einfach: Diese Formen sind als Abkürzung für Doppelformen gedacht und werden als solche gesprochen: Kritiker oder Kritikerin, Befürworterinnen und Befürworter usw. Auch das Binnen‑I wird von manchen als Sparschreibung (Abkürzung) betrachtet, und wäre in diesem Fall genauso zu behandeln. Andere Betrachten es als eigene Form, und sprechen es einfach aus, ohne das Binnen‑I hervorzuheben – es klingt dann eben so wie das Femininum (Kritikerin, Befürworterinnen). Interessant wird es beim Gendergap (Kritiker_in) und dem Gendersternchen (Kritiker*in). Diese sind ja explizit nicht als Abkürzungen der Doppelform gedacht, sondern sollen die darin enthaltene Zweigeschlechtlichkeit durchbrechen – die Lücke und das Sternchen sind hier Platzhalter für weitere mögliche Geschlechter. Dieser Platzhalter muss sinnvollerweise auch in der gesprochenen Sprache signalisiert werden – und dafür hat sich schon seit längerem eine linguistisch interessante Lösung etabliert. Das Sternchen und die Lücke werden in der Aussprache durch einen stimmlosen glottalen Verschlusslaut wiedergegeben – ein Laut, den wir produzieren, indem wir die Stimmlippen („Stimmbänder”) kurz vollständig schließen. Dieser Laut, der im Internationalen Phonetischen Alphabet durch das Symbol [ʔ] repräsentiert wird, steht im Deutschen (in den deutschen und österreichischen Dialekten) am Anfang jedes Wortes, das scheinbar mit einem Vokal beginnt. Das Wort Eklat, z.B., wird nicht [eklaː] ausgesprochen, sondern [ʔeklaː]. Das merken wir, wenn wir einen indefiniten Artikel davor setzen – ein Eklat. Wenn wir das aussprechen, hören wir eine kurze Pause vor Eklat, und das [e] hat einen klaren Ansatz: [aɪ̯n ?eklaː] (das Leerzeichen steht für eine kurze Pause). Im Französischen, beispielsweise, ist das anders, dort gibt es diesen glottalen Verschlusslaut am Wortanfang nicht. Eclat wird hier tatsächlich [ekla] ausgesprochen, und wenn wir einen indefiniten Artikel davor setzen, fließen die Wörter ineinander [œnekla]. Auch an der Silbifizierung sehen wir die Effekte des glottalen Verschlusslauts: im Deutschen ist zwischen ein und Eklat eine Silbengrenze (hier durch einen Punkt dargestellt) – [aɪ̯n.?e.klaː]; im Französischen ist diese Silbengrenze in der Mitte des indefiniten Artikels un, das n bildet mit dem e von Eklat eine Silbe, die Wortgrenze wird ignoriert – [œ.ne.kla]. Im Schweizerdeutschen ist es übrigens wie im Französischen, ein Eklat wird dort [aɪ̯.ne.klaː] ausgesprochen. Innerhalb von Wörtern kommt der stimmlose glottale Verschlusslaut im Deutschen selten vor, nämlich in Komposita (die ja aus zwei Wörtern bestehen) an der internen Wortgrenze, und bei manchen Präfixen („Vorsilben“), z.B. ver-: in den meisten Dialekten sagen wir beispielsweise für Verein [fɛɐ̯ʔaɪ̯n], und nicht [fɛˈʁaɪ̯n]. Vor Suffixen („Nachsilben“) kommt der glottale Verschlusslaut nie vor – bzw., er kam dort nie vor, bis eben manche Sprecher/innen angefangen haben, ihn als lautliche Repräsentation des Gendergap bzw. ‑sternchen zu verwenden. Während Ärztin z.B. [ɛːɐ̯tstɪn] ausgesprochen wird, wird Ärzt_in oder Ärzt*in [ɛːɐ̯tstʔɪn] ausgesprochen. Das hat eine Reihe erwartbarer phonologischer Konsequenzen. So verändert es die Silbifizierung. Bei Ärztin bildet der Konsonant am Ende des Wortstammes gemeinsam mit dem Suffix eine Silbe – [ɛːɐ̯ts.tɪn], bei Ärzt_in/Ärzt*in wird das durch den glottalen Verschlusslaut verhindert – [ɛːɐ̯tst.ʔɪn]. In dieser Hinsicht verhält sich das Suffix jetzt lautlich wie ein eigenes Wort. Aber interessanterweise nur in dieser Hinsicht. Alle anderen Prozesse, die man am Wortende erwarten würde, finden sich vor diesem Suffix nicht. Zum Beispiel wird das er-Suffix im Deutschen phonologisch zu einem [ɐ], einer Art unbetonten, tiefen a: [kʁiːtɪkɐ]. Folgt ein Suffix, behält es seine eigentliche lautliche Form [əʁ], z.B. in Kritikerin: [kʁiːtɪkəʁɪn]. Vor dem glottalen Verschlusslaut in der Aussprache von Kritikerin behält es ebenfalls diese Form: [kʁiːtɪkəʁʔɪn]. Damit ist klar, dass vor dem Suffix keine Wortgrenze ist – die Gap/Sternchen-Version des Suffixes, [ʔɪn], bleibt trotz des glottalen Verschlusslauts ein Suffix. Das zeigt sich auch an einem weiteren Phänomen des Deutschen, der Auslautverhärtung. Am Wortende sind im Deutschen keine stimmhaften Konsonanten erlaubt, wo ein Wort einen hätte, wird dieser stimmlos. Chirurg wird etwa [çiʀʊʁk] ausgesprochen, nicht [çiʀʊʁɡ]. Folgt ein Suffix, z.B. der Plural oder eben das feminine -in, bleibt das [ɡ] am Wortende stimmhaft: [çiʀʊʁɡən], [çiʀʊʁɡɪn]. Und auch bei der Gap/Sternchen-Variante bleibt es stimmhaft: [çiʀʊʁɡʔɪn]. Schließlich sieht man auch am Wortakzent, dass das Gap/Sternchen-Suffixes [ʔɪn] sich wie ein Suffix verhält. Im Deutschen werden romanische Lehnwörter, die auf das Suffix -or enden, auf der vorletzten Silbe betont (hier durch Großbuchstaben symbolisiert): MOtor, AUtor, proFESSor, alliGAtor, modeRAtor. Kommt ein Suffix dazu, verschiebt sich der Wortakzent auf das Suffix selbst, so dass er wieder auf der vorletzten Silbe liegt: moTOren, auTOren, profeSSOrin, alligaTOren, moderaTOrin. Beim Gap/Sternchen-Suffix [ʔɪn] verschiebt sich der Wortakzent ebenfalls auf diese Weise (in der phonetischen Transkription steht ein Apostroph vor der betonten Silbe: Moderator [modeˈʀaːtoːɐ̯], Moderatorin [modeʀaˈtoːʀɪn], Moderator*in [modeʀaˈtoːʀʔɪn]. Die Aussprache dieser drei Wörter ist hier zu hören: https://www.sprachlog.de/wp-content/uploads/2018/06/moderator_in.m4a Wir sehen: Mit dem stimmlosen glottalen Verschlusslaut am Anfang eines Suffixes betreten die Verwender/innen dieser Formen phonologisches Neuland, da der Laut an dieser Stelle bisher nicht stehen konnte. Da schon die orthografischen Formen mit Gendergap oder ‑sternchen bei manchen Kollegen (kein generisches Maskulinum) Ängste vor einer bevorstehenden Zerstörung der deutschen Sprache auslösen, kann man sich vorstellen, wie sie reagieren würden, wenn sie vom [ʔɪn]-Suffix erführen. Da sie nichts zur Kenntnis nehmen, was irgendjemand zum Thema Gender schreibt, wird das zum Glück nicht passieren. Es besteht aber keine Gefahr fürs Deutsche – die oben diskutierten Phänomene zeigen, dass die lautliche Struktur der betreffenden Wörter voll erhalten bleibt, dass sich das [ʔɪn]-Suffix also trotz seiner ungewöhlichen lautlichen Form voll in die Morphologie und Phonologie des Deutschen integriert. Wir werden also die deutsche Sprache in all ihrer geschlechtergerechten und ‑ungerechten Vielfalt noch sehr lange genießen dürfen. Dieser Beitrag wurde am 9. Juni 2018 von Anatol Stefanowitsch in Kommentare veröffentlicht. Schlagworte: Deutsch, Gender, Gendergap, Gendersternchen, geschlechtergerechte Sprache, geschlechtsneutrale Sprache, Morphologie, Phonologie. Die Grenzen des Sagbaren Von Anatol Stefanowitsch Am 8. Mai 2018 habe ich anlässlich des 85. Jahrestages der Bücherverbrennung im Literaturhaus Berlin einen Vortrag über die „Grenzen des Sagbaren“ gehalten. Der Mitschnitt zu diesem Vortrag ist nun auf Soundcloud zum Nachhören verfügbar. Dieser Beitrag wurde am 29. Mai 2018 von Anatol Stefanowitsch in Hinweise veröffentlicht. Schlagworte: Deutsch, Diskriminierende Sprache, Politische Sprache, Rassismus, Sexismus, Sprache des deutschen Faschismus. Beitrags-Navigation ← Ältere Beiträge Sprachlog Über das Sprachlog Die Autor/innen Impressum Datenschutzerklärung Kommentarpolitik Folgen Twitter Facebook Datenschutzerklärung Stolz präsentiert von WordPress
de
de
1730636471
https://sprachlog.de
Guhindura urubuga rwawe?
Uriko ukora iki?